B-Plan 20: Schriftwechsel Beins/Prof. Giencke

Diesem Brief ist ein Schreiben von Herrn Beins an Herrn Prof. Giencke am 31.3.2017 voraus gegangen.

Hier ist die Antwort von Herrn Prof. Giencke:

 

 

Sehr geehrter Herr DI Beims!

  

…..Im Detail möchte ich nicht Stellung nehmen. Das ist aber momentan auch gar nicht notwendig, stört vielleicht sogar die Gesamtschau und das Gesamtempfinden. Die mir vorliegenden Informationen reichen aus.

 

Der Parkplatz:

Lassen Sie mich versuchen, Ihnen mit einem romantischen Hinweis ein Verständnis meiner fachlich fundierten Position abzugewinnen.

Als ich vor mehr als 35 Jahren im Frühherbst von Hamburg nach Norden fuhr, „um die Ostsee zu sehen“, landete ich auf diesem Parkplatz. Es war damals ein schlecht geschotteter Parkplatz unter und zwischen ausgewachsenen Pappeln, dahinter das Meer. Da ich gar nicht wusste wo genau ich war, waren der Parkplatz vor dem Meer, die Eichenallee als Zufahrtsstrasse von der Bundesstrasse und die Bucht, für mich „Hohwacht“. So wurde Hohwacht für meine Familie der Ort an dem wir für die nächsten Jahrzehnte unseren Urlaub verbringen werden, für meine Kinder ein Sehnsuchtsort, für meine Frau und mich ein Ort ohne touristische Sensationen, der keine Ansprüche an uns stellt und trotzdem besonders ist. Wir müssen nichts interpretieren und brauchen nichts zu erfinden.

 

Später hatte der Sturm die Pappeln geköpft. Der Versuch, die Baumstümpfe zu revitalisieren war bemerkenswert. Er gelang nicht und ausreichend Schotter gegen das Grundwasser gibt es bis heute nicht.  

Jedenfalls kann ich mir den Parkplatz nicht schöner vorstellen, als einen Platz mit wassergebundener Wegedecke unter hohen alten Bäumen –der Parkplatz als Landschaftselement.  Einen befestigten Parkplatz mit eingezeichneten Abstellflächen und in Reih und Glied gepflanzten Jungbäumen will ich mir nicht vorstellen! Hohwacht ist zu allererst eine landschaftliche Erfahrung und kein Parkplatz.

 

Bebauung  „Am Dünenweg“:

17,75m sind 6 Geschoße und selbst für Städte mit 100.000 Einwohnern beachtliche Gebäudehöhen.

Die „Landschaft Hohwacht“ ist ein kleines Dorf, im Sommer d.h. 2 Monate lang etwas größer. Mit abgewalmten Dach oder Mansardendach für diese Gebäudehöhen zu argumentiere, geschieht aus keinen ehrlichen Motiven, sondern ist Kalkül abseits der „Landschaft Hohwacht“.

Dabei schließe ich gar nicht aus, dass großartige Architektur auch in Hohwacht geschehen kann, dass ihre Verträglichkeit

nicht an den (richtigen?) Maßstab, die (richtige?) Dachform oder an ein dekoratives Trugbild gebunden sein muss. Es gibt  schlechte Architektur in Hohwacht, es gibt ein bescheidene, in ihrer Grundhaltung sympathische Architektur und es gibt   dauch gute Architektur. Die „Landschaft Hohwacht“ bügelt das alles aus.

 

Grundsätzlich fügt sich in einem lebendigen Ortsbild gute neue Architektur wie selbstverständlich neben gute alte Architektur. Da das selten geschieht sind die Menschen verunsichert, stellen sich gegen alles Neue und wählen das was immer schon da war. Man kann es ihnen nicht verübeln.

Im Fall „Am Dünenweg“ ist es anders. Es geht hier nicht um eine Bebauung, es geht tatsächlich um eine Verbauung –letzten Endes um einen Verlust von Identität.

Die mündigen Bürger von Hohwacht lassen sich nicht erpressen, lehnen sich auf und bestehen zu recht auf einer Wertediskussion.

 

Eine 17,75m hohe Wand schräg und gerade, die die Ostsee aussperrt. Vor der Ostseeküste, unmittelbar hinter der Düne, an der schönsten noch freien Stelle –fast 100m unbebaute Küstenlinie! Der größte Luxus, den ein Ort wie Hohwacht seinen Bewohnern und Besuchern bieten kann! Ganz egal ob kolportiertes Aushängeschild oder Merkzeichen, großartige oder mickrige Architektur, fantastische oder notwendige Unterkunft für vermeintlich wichtige Einrichtungen für das Hohwacht der Zukunft?!

Die „Landschaft Hohwacht“ verträgt dieses Projekt nicht! Da helfen keine Einpassung (in was?), keine Anpassung  (an was?), kein Ortsbildschutz. Es eine Abstimmung im Gemeinderat über die Befindlichkeit seiner Bewohner und Gäste an Hand eines egomanischen Bauprojektes! Das sollte allen Beteiligten klar sein.       

 

Ich konzentrierte mich auf Parkplatz und das Projekt „Am Dünenweg“, weil es als Ankommstation den Besucher am stärksten betrifft und weil ich mich nicht in Alles und Jedes einmischen möchte. Allerdings muss man mit der „Landschaft Hohwacht“ generell sorgfältig umgehen. Sonst wird Hohwacht mit Sicherheit seinen landschaftlichen Reiz verlieren. Dazu zählen neben der Ostsee, vor allem Bucht, Düne, Steilküste, seine Lage am Ende der Eichenallee hinter dem Wald und hinter der bewaldeten Küste, und nicht zuletzt unbefestigte Parkplätze zwischen hohen Bäumen mit Aussicht auf das Meer als Entree.

Wenn Hohwacht seine „Landschaft“ verliert, dann bleibt ein bedeutungsloser Ort an der Ostsee zurück, verwechselbar, neu aber nicht gut und ohne Flair. Kein Ort zu dem man in freudiger Erwartung und mit Begeisterung hinfährt und in dem man selbstbewusst und mit Freude lebt.

Phantasielose, unglaublich fade, landschaftlich zugebaute und architektonisch geschändete Ostseebäder gibt es genug. Ich bitte um Pardon, wenn ich behaupte, dass die Fadesse, die Unwirtlichkeit und Brutalität unserer künstlichen Umgebung auf uns Menschen abfärbt.

 

Wenn ich nicht auf Ihr Schreiben einging, tat ich das nicht aus Respektlosigkeit.

 

Mit freundlichen Grüßen

V. Giencke

 

Univ.Prof.Architekt DI Volker Giencke

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