Ich bin entsetzt

Univ.Prof. Architekt DI V. Giencke Universität Innsbruck
Em. Vorstand des Inst. f. Hochbau und experimentelle Architektur

01. Dez. 2016
Betrifft: Bebauung Dünenweg – Ostseebad Hohwacht

Seit fast 40 Jahren mache ich Urlaub in Hohwacht. Nicht deshalb, weil mir über eine so lange Zeit keine andere touristische Destination einfiel, sondern weil die Schönheit der Knicklandschaft und die Lage des Ortes an der Hohwachter Bucht mich zum Nachdenken bringen und Entspannung bewirken.

Beruflich kenne ich fast die ganze Welt, weiß also um die Besonderheit von Ländern und Landschaften.

Ich bin u.a. und seit langem Ehrenmitglied des Bundes Deutscher Architekten (BDA), bin Österreicher, habe einen Deutschen zum Vater und eine deutsch-österreichisch gemischte Familie und Verwandtschaft.

Meine zeitlichen Verpflichtungen sind groß, was ich im konkreten Fall Hohwacht bedauere. Ich hätte gerne ein Gutachten vorgelegt, konnte aber die Woche, die es zumindest braucht, um ein solches fundiert zu verfassen, nicht in meinem Zeitplan unterbringen – ich weiß erst seit ca. 10 Tagen über die Möglichkeit des Einspruches Bescheid. Ab morgen, 02.12.2016, bin ich für 10 Tage beruflich in Asien, d.h. ich habe nur mehr heute die Möglichkeit mein Statement abzugeben. Ich weiß, dass Kommentare von der Gegenseite nicht ernst genommen werden, bin aber für die Sache bereit alle Möglichkeiten, die sich bieten, einzusetzen.

Dieser Kommentar ist aus den oben erwähnten Gründen ein emotional fachlicher, durchaus ernst zu nehmender Beitrag.

Ich bin empört.

Es ist ein Argument der Gegenseite, dass sich das vorliegende Projekt „Dünenweg 8“ in das Ortsbild einfügt und es prägend weiterentwickelt. Es ist kein Argument, sondern eine Drohung. Und ich nenne die Gemeindevertretung die Gegenseite, weil sie bewusst oder aus Unfähigkeit bereit ist, Hohwacht Schaden zu zufügen. Oder wie ist es zu verstehen, wenn für eine optische Barriere zur Ostsee als Aushängeschild eines Ferienortes geworben wird? Wie ist es zu verstehen, wenn die Kreisplanung Plön die durch die vorgeschlagene Bebauung bedrohliche Situation für Hohwacht erkennt und die Gemeinde ausdrücklich darauf hinweist und diese reagiert nicht? Plön spricht von einer „Reihe aus beachtlich massiven und wuchtigen Baukörpern“ auf dem Strandwall und empfiehlt die angestrebte bauliche Dichte und die architektonische Gestaltung auch unter dem Aspekt der Schaffung ortsplanerischer und touristischer Qualitäten zu diskutieren. Von der Berücksichtigung der „Wirkung auf das bauliche Ortsbild und die damit zusammenhängende Aufenthaltsqualität für Bewohner und Touristen“ wird gesprochen und empfohlen, „bauliche Maße und Proportionen der Neubebauung an der Nachbarbebauung zu orientieren, ohne deren Maximalmaße in Anspruch zu nehmen …“

Bürgermeister und Gemeinderat haben die Empfehlungen der Kreisverwaltung negiert, die Öffentlichkeit davon nicht in Kenntnis gesetzt. Vielfach in allen Prospekten der Gemeinde zitiert, ist in Hohwacht kein Haus höher als die umgebenden Bäume es sind. Wer sich nicht daran hält, ist die Gemeinde. Die Neubebauung ist 17m hoch, die umgebenden Bäume und Sträucher kaum über 5m. Die unmittelbaren Nachbarn des vorliegenden Projektes am Dünenweg sind 1-geschossig, einmal mit ausgebautem Satteldach.

„Eine Bebauung, die sich in das Ortsbild einfügt und es prägend weiterentwickelt“. Diese Behauptung ist nicht nur kühn, sondern vor allem falsch. Solche unreflektierten Aussagen haben keinen informativen Wert. Sie verwirren die Beteiligten. Was ist schön? Was ist hässlich?
Das vorliegende Projekt hat keine gestalterische Qualität. Das heißt, es fügt sich weder in das Orts und Landschaftsbild ein, noch erreicht es eine eigenständige Architekturqualität, die eine Ausnahme von gesetzlichen Bestimmungen rechtfertigen würde. Das vorliegende Projekt hat aufgrund seiner formal gesetzlichen und architektonischen Fehler alles andere als Vorbildcharakter, es überschreitet jeden erträglichen Maßstab, schädigt das Ortsbild in unverantwortlicher Weise und zerstört die nachhaltige touristische Zukunft von Hohwacht.

Die Erklärung, dass die Gemeinde sich in Erwartung hoher Entschädigungszahlungen bei Ablehnung des Projektes in finanzielle Abenteuer stürzen würde, zeigt offen, dass die Gemeinde sich in Geiselhaft des Bauträgers befindet. Wie verlogen dieser Hinweis an die Bevölkerung ist, wird jedem klar, der weiß, dass die Gemeinde ohne Schaden zu nehmen sich auf bestehende Richtlinien und Gesetze hätte berufen können, um positiven Einfluss auf das Projekt zu nehmen, bzw. es überhaupt zu verhindern. Nein, tatsächlich will die Gemeinde die Verwirklichung dieses Projektes. Fragen Sie mich nicht warum? Jedenfalls sind Tourismusförderung und Arbeitsplatzsicherung durch nichts belegte billige Ausreden für ein Verhalten, dessen Hintergründe die Bevölkerung ahnt aber nicht kennt.

Die Behörde und eine der Anständigkeit verpflichtende Politik hätten allen Grund dieses Projekt zu verhindern anstatt es zu fördern. Sollte dieses geistige Verbrechen tatsächlich Realität werden, ist die Mitschuld der Raumplanung, des Ortsbild- und Landschaftsschutzes und aller beteiligter Behörden festgeschrieben.

Allerdings zeigt die Zerstörung der deutschen Ostseeküste durch touristische Belanglosigkeiten, dass bestehende Verbrechen im Falle Hohwacht´s nur fortgesetzt werden würden. Wenn Heilighafen usw. nicht als das Schreckgespenst einer baulichen und touristischen Fehlentwicklung gesehen werden, sondern als gelungene Ortsentwicklung angepriesen werden, wie im gegenständlichen Fall, dann, gute Nacht, Deutschland.

Umso verständlicher wird die Betroffenheit mündiger Bürger und ebenso ihr berechtigter Aufstand dagegen. Empört euch! Lasst euch auch nicht mit Kompromissen abspeisen!

Verlangt saubere Politik, sauberen Umweltschutz, saubere Raumplanung, sauberen Ortsbild- und Naturschutz, saubere Architektur!

Architecture is the physical act of poetry – das Projekt Bebauung Dünenweg Hohwacht ist weit davon entfernt. Diesen Satz sagte Präsident Obama anlässlich der Auszeichnung amerikanischer Künstler.

Barack Obama ist kein Architekt, nicht irgendwer, sondern der einzige Politiker von Weltrang, der der Welt zeigt, dass Politik mit Gestaltung und letzten Endes mit Kultur zu tun hat. Denn die Geschichte der Menschheit ist eine Kulturgeschichte, eine Geschichte der Kunst und der Architektur – genau das Gegenteil davon, was in Hohwacht augenblicklich passiert. Es darf nicht passieren!

Prof. Volker Giencke

Advertisements

4 Gedanken zu “Ich bin entsetzt

  1. Der Beitrag von Prof. Dr. Giencke hat es auf den Punkt gebracht. Die Kommunalpolitiker Hohwachts sollten auf einen erfahrenen Architekten hören.

  2. Da haben die Howachter TRUMP´s zugeschlagen… und sich schlagen lassen.
    Geldgier und Machtgeilheit siegen leider immer wieder.
    Das was man hat bewahren und pflegen wäre auch ein Ziel.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s