Hohwacht blamiert sich nicht nur in vielfacher Weise. Der Ort ruiniert sich auch.

Jürgen Schmidt
28.11.2016

Stellungnahme zum B-Plan Nr 20 Hohwacht, Dünenweg vom Oktober 2016

 

1. Die neueren Versionen der Bauleitplanung ( September / Oktober 2016 ) wurden nicht öffentlich diskutiert. Einer etwa halbstündigen Vorstellung des vorliegenden B-Plans im Rahmen einer Gemeindevertretersitzung am 06.10.2016 folgte keine Diskussion. Fragen an den Planer wurden von der die Sitzung leitenden stellvertretenden Bürgermeisterin ausdrücklich verboten.

 

Mit dem B-Plan und der Vermeidung, diesen zu diskutieren, waren nicht nur die Gebote des BauGB schon in der frühen Phase eklatant verletzt worden.
Deshalb konnte dem Gebot einer sozialgerechten Bodennutzung, die dem Wohle der Allgemeinheit dient (§1 BauGB ), in keiner Weise genüge getan werden, in gleicher Weise wurde das Gebot mißachtet, die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen, die sozialen Bedürfnisse der Familien, die Belange von Freizeit und Erholung zu beachten (s.a. Parkplatzsituation).

Aber auch der Gemeindeordnung  und der gebotenen Unterrichtung wurde in keiner Weise adäquat entsprochen, selbst dann nicht, als die Landrätin eine detaillieret Empfehlung abgegeben hatte.

Unterrichtung der Einwohnerinnen und Einwohner

(1) Die Gemeinde muss die Einwohnerinnen und Einwohner über allgemein bedeutsame Angelegenheiten der örtlichen Gemeinschaft unterrichten und fördert das Interesse an der Selbstverwaltung.

(2) Bei wichtigen Planungen und Vorhaben, die von der Gemeinde durchgeführt werden, sollen die Einwohnerinnen und Einwohner möglichst frühzeitig über die Grundlagen, Ziele und Auswirkungen unterrichtet werden. Sofern dafür ein besonderes Bedürfnis besteht, soll den Einwohnerinnen und Einwohnern allgemein Gelegenheit zur Äußerung gegeben werden. Vorschriften über eine förmliche Beteiligung oder Anhörung bleiben unberührt.

(3) Die Unterrichtung kann in den Fällen, in denen die Gemeindevertretung oder ein Ausschuss entschieden hat, durch die Person erfolgen, die jeweils den Vorsitz hat. In allen anderen Fällen unterrichtet die Bürgermeisterin oder der Bürgermeister.

(4) Die Rechte der Einwohnerinnen und Einwohner nach dem Gesetz über den Zugang zu Informationen der öffentlichen Verwaltung für das Land Schleswig-Holstein (Informationszugangsgesetz – IZG-SH) bleiben unberührt.

Nicht durch die Gemeinde, sondern durch den Blog „www.Hohwacht wordpress.de Hohwacht soll nicht zerstört werden.“ sowie durch die Beiträge des Unterzeichners erfuhren Interessierte Bürger, die nicht am 6.10 anwesend waren,  Details der geplanten Küstenbauung, anschaulich verstärkt durch eine Simulationsgrafik, die wir einer Indiskretion aus dem Bereich des Investors verdanken.

Wir verdanken es dem außerordentlichen Interesse – überwiegend aus dem Kreis Hohwachter Gäste, dass unser Leserkreis des Blogs In der Zeit von August 2016 bis Anfang November 2016  geradezu explodiert  ist – – auf nunmehr 10.000 Leser in den letzten 6 Wochen. Das mag schon einer ersten Geschmack davon geben, was die feheklnden Informationspolitik der Gemeinde angerichtet hat.

Auch wenn sich unter unseren Lesern  – wie wir wissen – Kritiker, wie die Hohwachter Gemeindevertreter befinden, dürfte das Gros doch aus Hohwachtern und Gästen aus dem In- und Ausland bestehen, die unsere  mehrfach vorgetragenen Ablehnung der Hohwachter Baupolitik im Allgemeinen und der Küstenbebauung im Besonderen entschieden teilen.

Auf Gemeindevertreterversammlungen mit begrenzten Möglichkeiten der Meinungsäußerung und Versuchen der Sitzungsleitung, diese zu unterbinden, kommt das Ausmaß der Ablehnung nur abgeschwächt zum Ausdruck, dies aber so einhellig, dass ein Fraktionsvorsitzender der CDU (am 6.10.16) schon vor der ersten Wortmeldung eine feindselige Stimmung unterstellte.

Dies hat die Gemeindevertretung nicht gehindert, an den von ausschließlich kommerziellen Interessen  bestimmten Plänen festzuhalten. Wir betrachten die  Ignoranz der an den Wünschen des Investors orientierten Gemeindevertretung als beispiellos.

Wenn der Imageverlust des Ortes nicht mehr von den Effekten einer politisch veranlassten Umorientierung der Urlauber überlagert und kompensiert wird, oder sich die verfügbaren Einkommen negativ entwickeln, wird Hohwacht durch die fremdkörperartige Küstenbebauung den Verlust seiner in Jahren aufgebauten corporate identity nachhaltig spüren.

Das Image eines  beschaulichen Orts mit kleinmaßstäblichen Ortsbild, kurzum einem Psychotop, das dem Biotop entspricht, läst sich bei Realisierung der unverhältnismäßig massiven Küstenbebauung und Fortsetzung der Hohwachter Baupolitik nicht zurück gewinnen.

Als Besonderheit und wohltuend abweichend von zahlreichen Ostseebädern findet sich in Hohwacht kein Gemischtwarenladen mit den typischen Angeboten der Ostseeküste. Mondäne Bars fehlen ebenso wie Diskotheken, Schicki-Micki-Flair  findet man ebenso wenig wie Edelboutiken. Der Ort kommt ruhig, bescheiden einher, entschleunigt ist die Atmosphäre, hier passt das Modewort.

Dieser Befund ist unter den Ostseebädern einzigartig und Ursache einer Gästestruktur, die sich anderenorts nicht findet.

 Damit ist für Planungen eine gewisse Unverträglichkeit mit undifferenzierten Orientierungen an anderen Seebädern gegeben.

Hohwacht ist ein Unikat !

 Veränderungen müssen behutsam und organisch erfolgen, nicht mit aufgesetzten Elementen, die anderenorts passen mögen, in Hohwacht aber stören, weil die Maßstäbe und die Charakteristik des Ortes unbeachtet bleiben.

Im Gespräch mit Gästen sind diese Grundsätze nicht strittig. Die geplante Küstenbebauung erzeugt  als ausgesprochener Fremdkörper weit verbreitetes Entsetzen.

Wer will sich denn hier ein deplaziertes Denkmal setzen, lautet eine wiederholte Frage älterer Gäste.

 

Hinzu kommt:

Im negativen Kontrast zu den hochfliegenden Bebauungsplänen steht an vielen Stellen die vernachlässigte Infrastruktur insbesondere der Straßen.

Darüber wird weithin geklagt. Mehr als 5 Jahre zierten die Einmündung des Kiefernwegs und der Anfang vom Lerchensang tiefe scharfkantige Schlaglöcher, der Weg oberhalb des Waldes zum Dünenweg ist ständig ausgewaschen und eine Gefahr für Fußgänger und Radfahrer.

Dort wo etwas unternommen wird, ziert schwarzer Asphalt die Löcher in hellen Betonplatten, wie um das Genueser Schiff: Hässlicher kann man einen Vorzeigebereich nicht gestalten.

Parallel  zur Küstenbebauung  betriebene Vorhaben, wie das sogenannte Medizinische Gesundheitszentrum vermögen die Attraktivität des Ortes keineswegs zu steigern, sondern verschlechtern durch fehlenden Bedarf lediglich die Finanzlage mit zunehmender Verschuldung.

In welcher Welt unsere Gemeindevertreter leben, die an dem Konzept mit einer zusätzlichen „grünen Küche“ und einer „Lounge“ ( Donnerlitchen !) weiter basteln, scheint nur durch eine besondere abgekapselte Gruppendynamik erklärbar.

Weniger weltfremde und wesentlich größere Badeorte mit möglicherweise geeignetem Publikum und höheren Gästezahlen sind auf den von der Landesregierung propagierten Zug zum Gesundheitstourismus in den Ostseebädern eben nicht aufgesprungen.

Vielmehr hat man in vielen Kurorten Kur- und Badeabteilungen der sinkenden Nachfrage entsprechend abgebaut. Wellness und Spa konzentrieren sich auf wenige Hotels mit zahlungskräftiger Klientel. Zumindest in der Hochsaison sind die eigentlichen Urlaubswünsche mit Strand und See verbunden und nicht mit gemeinschaftlichen Geräteübungen.

 

Die erklärten Gästepräferenzen für Hohwacht stehen einem solchen Zentrum auch eindeutig entgegen,

Die einst abgegebene Empfehlung für Medical Wellness in einer Planungsstudie

( M&T) für Hohwacht erfolgte ohne irgendeine nachvollziehbare Begründung und eindeutig entgegen den vorliegenden Befragungsergebnissen in der gkleichen Studie, die dem Naturerlebnis absoluten Vorrang eingeräumt und die gezielte Verfolgung gesundheitlicher Ziele nachrangig eingeordnet haben.

Trainingskontingente und Diätregime sind eben keine urlaubstauglichen Elemente, zumal nicht bei kurzer Aufenthaltsdauer  ( Durchschnitt 4-5 Tage).

Ob eine Belebung der Nachsaison mit einem medizinisch angehübschten Fitnesscenter zu erreichen ist, muss doch schon deshalb bezweifelt werden, weil sich in den Ballungsgebieten, aus denen viele Urlauber kommen, bestens ausgestattete Fitnesstempel in nahezu jedem Stadtteil finden lassen.

 

 

 

2. Die Ablehnung der Küstenbebauung durch die Bevölkerung war den Gemeindevertretern auch durchaus bewusst.

Anders ist es nicht zu erklären, dass die Vorlage des B-Plans im August 2016 damit begründet wurde, man sähe sich sonst einer Millionenklage gegenüber, wenn man die Bebauung nicht auf den Weg brächte.

Tatsächlich bestanden so viele Hinderungsgründe, die den Bau unmöglich gemacht hätten, wenn von der Gemeinde nicht immer wieder Sonder- und Ausnahmegenehmigungen erwirkt worden wären, allesamt mit dem falschen Argument einer Förderung des Tourismus und des Allgemeinwohles.

 

3. Die Beeinträchtigung des Tourismus geschieht schon dadurch, dass infolge der Bebauung 30 % der Parkplätze des großen Seeparkplatzes fortfallen.

Sozialverträglich erscheint die resultierende Einbuße zugunsten protziger und dominierender Bauten, die noch dazu den freien Blick versperren, unter keinen Umständen.

Die Einbuße an Parkplätzen wird nicht kompensiert, weil es an Fläche fehlt. Welche uneingestandenen Nachteile dies hat, kann an der offensichtlichen Begehrlichkeit der Gemeinde gemessen werden, den bestehenden in Privatbesitz befindlichen Minigolfplatz zur Parkfläche umzuwidmen.

 

4. Die dem Fischimbiss auf seinem eigenen Grundstück eingeräumte Fläche von 100 m³ entspricht einem Drittel der zuvor gepachteten Fläche, wenn man berücksichtigt, dass  neben der Reproduktion des bisherigen Flächenbedarfs auch eigene Toiletten geschaffen werden müssen.

Der betreffende Teil des B-Planes ist zur Vernichtung einer Existenz angelegt, um die Luxusbebauung am Küstensaum zu ermöglichen und die Folgen (Parkplatzverlust) teilweise zu kompensieren.

 

5. Die Begründung mit einem angeblichen Allgemeinwohl und einer Förderung des Tourismus ist völlig abwegig und mit  dem Resultat von 40 Luxusappartements ist der enorme kostenträchtige Aufwand an Um- und Neugestaltung der Flächen überhaupt nicht zu rechtfertigen.

Ein Gewinn an evtl Kaufkraft durch ein paar Dutzend zahlungskräftiger Gäste wird  sich mangels entsprechender Geschäfte nicht auswirken. Evtl Umsatzsteigerungen benachbarter gastronomischen Betriebe ( Haus am Meer) werden nicht in Hohwacht versteuert.

Insbesondere fließt auch kein Geld in die Gemeindekasse, außer Tourismusabgabe und Strandgebühren. Diesen Mehreinahmen stehen aber Mindereinnahmen gegenüber, denn

 

6. ist es wegen der Parkplatzreduzierung und der Beeinträchtigung des Ortsbildes damit zu rechnen, dass die bisherige Klientel verprellt wird und sich das Image des Ortes dauerhaft nachteilig verändert. Laut Umfragen schätzen die Gäste bisher den Kontrast zu anderen Badeorten in SH und das Fehlen von offensichtlicher und aufdringlicher Kommerzialisierung.

Anstelle einer Förderung des Tourismus wird es zu Einbußen kommen.

 

7. Die finanziellen Folgen der direkten von der Gemeinde zu tragenden baulichen Veränderungen und Einnahmeeinbußen (Parkplätze Gästefrequenzen) sind beträchtlich. Erstaunlicherweise  gibt es dazu keine Kalkulation und Aufklärung durch die Gemeinde.

Bereits mit dem Betrieb eines parallel geplanten  „Medizinischen Gesundheitszentrums“ entsteht nach der vorliegenden Planung ein jährliches Defizit von 340.000 € – aber auch nur unter günstigen Bedingungen und unrealistichen Erwartungen der Erlöse.

 

8. Die geplante Straßenbreite von 7,5 m des Dünenwegs zwischen Wald und Minigolfplatz lässt sich angesichts einer Distanz vom Waldsaum bis zum Zaun des Privatgrundstücks von 6,5 m nicht realisieren.

 

Hohwacht blamiert sich nicht nur in vielfacher Weise.

Der Ort ruiniert sich auch.

 

 

Dr. Jürgen Schmidt

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2 Gedanken zu “Hohwacht blamiert sich nicht nur in vielfacher Weise. Der Ort ruiniert sich auch.

  1. Hohwacht wird sich mit dieser Fremdkörperbebauung tatsächlich ruinieren. Diese Bauelemente werden im wahrsten Sinne des Wortes einen großen Schatten über den lieblichen Küstenabschnitt werfen. Wird Hohwacht gerade zum Ort eines Wirtschaftskrimis?

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