Grüsse aus Graz

grazvon Univ.-Prof. Architekt DI
Volker Giencke

 

Graz /Österreich, 15.9.2016

Betrifft: „Bebauung Dünenweg“ –Ostseebad Hohwacht

Dieses Schreiben richtet sich an die Bewohner Hohwacht‘s und an alle Interessierten, die Hohwacht vor allem als unverwechselbaren Ort inmitten einer Kulturlandschaft sehen, und die Hohwacht als besonderes, touristisches Kleinod an der Ostsee begreifen.

potrafky-brett-kleinBürgermeister und Gemeinderat, aber auch eingeladene Gutachter und teilweise auch übergeordnete Behörden haben offensichtlich nicht begriffen, dass sich Hohwacht schon wegen seiner topografischen Lage zwischen ufernahem Wald und Ostsee nicht für eine aggressive touristische Entwicklung eignet, noch anbietet.

Betreffend den Bebauungsplan „Dünenweg“ weist die Kreisverwaltung Plön in ihrem Schreiben vom 25.2.2015 an den Bürgermeister der Gemeinde Hohwacht, -das nachrichtlich an den Ministerpräsidenten des Landes, an das Innenministerium des Landes und an das Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein erging-, darauf hin, dass die angestrebte Bebauung „eine Reihe aus beachtlich massiven und wuchtigen Baukörpern“ von 17m Höhe ergäbe.

Das heißt, die Kreisplanung Plön hat die für Hohwacht bedrohliche Situation durch die vorgeschlagene Bebauung erkannt und die Gemeinde ausdrücklich darauf hingewiesen. Ich zitiere aus dem oben erwähnten Schreiben:
„…es wird daher angeregt, die angestrebte bauliche Dichte und die architektonische Gestaltung auch unter dem Aspekt der Schaffung ortsplanerischer und touristischer Qualitäten zu diskutieren. Die Frage der Wirkung auf das bauliche Ortsbild und die damit zusammenhängende Aufenthaltsqualität für Bewohner und Touristen sollte berücksichtigt werden.
Es wird empfohlen, bauliche Maße und Proportionen der Neubebauung an der Nachbarbebauung zu orientieren, ohne deren Maximalmaße in Anspruch zu nehmen…“ Tatsächlich ist die Nachbarbebauung 1-geschoßig mit ausgebautem Satteldach (!), ostseitig das Hotel „Haus am Meer“, westseitig das Haus des ehemaligen Fotografen Neuhäuser. Da die nun bewilligte Planung hinsichtlich ihres Maßstabes und ihrer Proportion keine Änderungen erfuhr, haben sich Bürgermeister und Gemeinderat an die Empfehlungen der Kreisverwaltung nicht gehalten. Informationen an die Öffentlichkeit während des Bewilligungsverfahrens gab es so gut wie nicht.

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„… wo kein Haus höher ist als die Bäume!“ So nachzulesen im Tourismusprospekt der Gemeinde Hohwacht. Im gegenständlichen Fall „Bebauung Dünenweg“ macht man sich über jene Menschen lächerlich, die solche Aussagen ernst nehmen. Die umgebenden Bäume oder Sträucher, sind kaum 5m hoch…

Weder Bürgermeister noch Gemeinderat als gewählte Vertreter können ihre Entscheidung in der Sache, nämlich die vorliegende „Bebauung Dünenweg“ zu genehmigen, vor ihren Wählern sachlich oder fachlich vertreten. In einwandfreier Ausübung der ihnen übertragenen Verantwortung hätten sie in einer für den Ort so entscheidenden Frage ihre Gemeinde zuerst zu informieren und dann zu befragen. Beides ist offensichtlich nicht geschehen. Die Empfehlungen der übergeordneten Behörde wurden in den Wind geschlagen.

Für jeden, die alte Eichenallee von Lütjenburg kommend und in die Seestraße einbiegend, ist der Blick auf die Ostsee identitätsstiftend -egal ob für den Neu-Hohwachter oder den in Neu-Hohwacht ankommenden Ostseeurlauber. Es sind diese einfachen Qualitäten, die alte Eichenallee als Zufahrt, die Lage zwischen Wald und Ostsee, der Blick von oben auf die Ostsee, die landschaftlichen Ressourcen, die den Ort auszeichnen und ihn von anderen Ostseebädern positiv unterscheiden. Man ist gerade dabei dieses Kapital zu verspielen.

sim-city-grauDas Verhalten des Bürgermeisters und des Gemeinderates in diesem Entscheidungsprozess ist demokratiepolitisch äußerst bedenklich, fachlich durch nichts zu erklären, durch nichts zu kaschieren, einfach nicht akzeptabel.

Wenn die repräsentative Demokratie, der gewählte Bürgermeister und der Gemeinderat versagen, egal ob überfordert oder unfähig, lässt das den Verantwortungsträgern keinen Spielraum. Man darf als mündiger Bürger Hohwacht nicht dem Schicksal überlassen, das von diesem Bürgermeister und diesem Gemeinderat bestimmt wird.

Aus Sicht des Landschaft- und des Ortsbildschutzes war die Errichtung des Supermarktes „Alpen“ in Gestalt einer Lagerhalle bereits eine Herausforderung. Um wie viel mehr muss es die beabsichtigte „Reihe aus beachtlich massiven und wuchtigen Baukörpern“(Zitat) auf dem Strandwall sein!? Eine optische Barriere zur Ostsee als Aushängeschild eines Ferienortes an der Ostsee!?

Unerklärlich und sicherlich nicht fachlich zu rechtfertigen, wenn Raumplanung und Ortsbildschutz Projekte genehmigen, vor denen sie Land- und Ortschaften schützen sollten. Es ist an der Zeit, endlich auch geistige Verbrechen zu ahnden.

potrafky-auf-pferd-kleinDie Aussage, dass ohne dieses Bauvorhaben die touristische Gegenwart und Zukunft Hohwacht`s auf dem Spiel stünde, entspringt provinzieller Großmannssucht, ist ebenso abenteuerlich wie falsch, und heißt, die Menschen für blöd zu verkaufen.

Man vergisst zu oft aus vordergründigen Motiven, dass Sehnsucht, Unverwechselbarkeit und Eigenständigkeit die gegenwärtigen und zukünftigen Kriterien jeder Planung sind, und nicht die maximale Rendite, der rein funktionale Überbau und ein aufgesetzter Formalismus. Dies gilt für das Landschafts- und das Ortsbild, genauso wie für die Architektur.

Dass die Entwicklung eines Ortes auch neues Bauen verlangt, ist naturgegeben. Es muss das erklärte Ziel jeder planerischen Bemühung sein, Hohwacht als faszinierenden Ort zu präsentieren -ohne einen Ausverkauf der Landschaft und des Ortes zu betreiben.

Prof. Volker Giencke
http://www.giencke.com/

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2 Gedanken zu “Grüsse aus Graz

  1. Wenn es zutrifft das die Kreisplanung Plön das Vorhaben Dünenweg als bedenklich einstuft und der Bürgermeister und der Gemeinderat über diese Informationen stillschweigen bewahrt, wiegt die Aussage von Prof. Volker Giencke doppel schwer.

    Zitat aus dem Text von Prof. Volker Giencke
    „[…]Das Verhalten des Bürgermeisters und des Gemeinderates in diesem Entscheidungsprozess ist demokratiepolitisch äußerst bedenklich, fachlich durch nichts zu erklären, durch nichts zu kaschieren, einfach nicht akzeptabel. Wenn die repräsentative Demokratie, der gewählte Bürgermeister und der Gemeinderat versagen, egal ob überfordert oder unfähig,[…]

    In Anbetracht dieser schweren Vorwürfe, ist der Bürgermeister und der Gemeinderat aufgefordert „reinen Tisch“ zu machen und die Bürger in vollen Umfang aufzuklären oder ihren Hut zu nehmen.

    Wie in einem meiner vorherigen Texte weise ich den Bürgermeister und den Gemeinderat nochmals daraufhin, dass sie Gemeindevertreter sind und zum Wohl der Bürger einer Gemeinde handeln sollen. Wirtschaftliche Interessen dürfen sicherlich nicht außer acht gelassen werden, aber diese dürfen nicht zugunsten einzelner Personen bzw. Unternehmen ausfallen.

    Anregung zur „Wahrheitsfindung“
    In einigen Gesprächen die ich mit Urlaubsgästen aus nah und fern führte, wurde immer wieder die natürliche, idyllische und unverbaute Lage (leider u.a. nicht mehr im Reiherstieg) von Hohwacht gelobt. Da scheinbar niemand weiß was der „richtige“ Weg ist, sollte man doch die fragen die das Geld nach Hohwacht bringen, die Urlauber.
    Hierzu braucht man kein Institut einschalten, sicher sind die Ferienzimmer-, Ferienwohnung- und Ferienhausvermieter gerne bereit ein Umfrage bei Ihren Gästen durchzuführen, ob eine so gravierende Veränderung des Ortsbildes bei den Urlaubern anklag findet. Der Unterstützung der Vermieter bin ich mir sicher, denn vom weiteren Werdegangs des Orts Hohwacht abhängt die Existenz der Vermieter ab.

    Es währe ein Erster Schritt zurück zur Demokratie.

  2. Der Beitrag des bekannten österreichischen Architekturprofessors belegt einmal mehr, dass Ortsbild und dessen Einbettung in die Umgebung, also das Biotop eines Urlaubsortes eine Entsprechung im Psychotop des Urlaubers besitzt.
    Die Wahl Hohwachts als Urlaubsort ist die Entscheidung für einen Ort, der sich weitgehend von den anderen Ostseebädern unterscheidet.
    Nachdem der Charakter des Ortsbildes bereits erheblich gestört worden ist, wie dies durch die Neubauten unter Maximalausnutzung der Grundstücke geschehen ist, folgt nun die Teilzerstörung des Ortsbildes durch Verbauung typischer Straßen und Sichtachsen.
    Die Kritik an dieser Entwicklung erfolgt so einhellig von allen Seiten, dass man über die Starrhalsigkeit der Gemeindevertretung nur noch tiefe Bestürzung empfinden kann. Die Einlassungen der Gemeindevertreter, die der Petition geantwortet haben ( open petition – standdistel ), sind entlarvend.

    Schmidt, Hohwacht, 22.09.2016

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