Kommunalpolitische Schlaglichter: Baupolitik

von Jürgen Schmidt, Hohwacht

 

Kapitel 4: Ortsbild und Baupolitik

Was DOMUS unter Idylle versteht

Wer durch Hohwacht geht, wird zum Ortsbild gemischte Gefühle entwickeln. Nette Einfamilienhäuser an der Promenade, ärmlich wirkende Vor- und Nachkriegsbauten  anderenorts, organisch gewachsene Straßen mit großen Gärten, vereinzelt reetgedeckte Schmuckstücke, kaum Reetdachkitsch und neuerdings – noch vereinzelt aber um so auffälliger –  dicht gedrängte Reihenhäuser mit einigen Grashalmen vor der Terrasse.

Zwischen zwei Schießplätzen gelegen, blieb der Massenzustrom in Hohwacht aus und damit auch die ungünstige Entwicklung, die so mancher Badeort an der Ostsee genommen hat. Neuerdings hört man jedoch immer weniger Kanonendonner von der Bundeswehr, dafür immer mehr lautstarken Bürgerprotest gegen die Baupolitik des Gemeinderats.

Es gibt wohl keinen Ort in Deutschland, in dem keine kontroversen Debatten über Bauvorhaben, Bebauungspläne und Ergebnisse stattfindet.

Dergleichen fand in Hohwacht bis zur letzten Kommunalwahl allenfalls „unter der Bettdecke“ statt, denn eine mächtige Wählergemeinschaft hatte es sich auf die Fahne geschrieben, Neubauten zu begrenzen, sensible Bereiche zu schützen und das Ortsbild zu bewahren.

Dann kam die Niedrigzinsphase, Befürchtungen steigender Inflation, der Gedanke, ins Betongold zu flüchten, die Renaissance der Ostseebäder durch die Rückkehr der Türkeiurlauber an die Ostsee.

Vor allem aber  kam die CDU mit einem Bürgermeister, der sich als zugänglich für den Gedanken herausstellte, Investitionen in den Tourismus zu erlauben, die sich als Maximalausnutzung vorhandener Grundstücke erwiesen.  Die Grundstückspreise verdoppelten sich nahezu in einem Jahr, so dass auch maßgebliche Mitglieder der Wählergemeinschaft ( mit größerem Grundbesitz) schwankend wurden, von der Bremse aufs Gaspedal zu wechseln.

„Weil Hohwacht schließlich vom Tourismus lebt“ fühlten sich Investoren ermuntert, denen man wenig später  Ferienwohnungen aus den Händen riss, die zu früherer Zeit eher mit Preisnachlass vertrieben worden wären. Dachgeschosswohnungen, die man nur über stählern scheppernde Außentreppen erreichen kann, dünne Trennwände, im Erdgeschoss sehr kleine Vorgärten, stellten nicht das geringste Verkaufshindernis dar.

Die in einer ruhigen Straße mit Einfamilienhäusern und großen Gärten entstandenen 24 Wohneinheiten haben das Verkehrsaufkommen dort nahezu verdoppelt.

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vorher – nachher

Ruhe, Beschaulichkeit, kleinteiliges Ortsbild ? Das war einmal.

Nicht nur die Einzelhausbesitzer in dieser Vorzeigestraße leiden, es sind auch einige renommierte Edelpensionen betroffen, die in Zukunft um ihre Gäste bangen müssen.

Zahlen sich also die „Investitionen in den Tourismus“ aus, oder handelt es sich bestenfalls um ein Nullsummenspiel unter Austausch der Gästestruktur. ?

Natürlich hätte man diese Entwicklung durch eine Veränderungssperre und einen Bebauungsplan verhindern können, wenn man denn gewollt hätte.

Es wurden Geldnöte der Gemeinde als Hinderungsgrund benannt, ein Argument, das an den Ausgaben für Machbarkeitsstudien gemessen werden muss, die kurz nach ihrer Vorlage wieder zu den Akten gelegt werden müssen. Und so groß waren die Finanznöte nun wieder auch nicht, um nicht einen sehr viel aufwändigeren Bebauungsplan für die umstrittene Küstenbebauung erstellen zu lassen.

Dieser befindet sich momentan in der abschließenden Phase, in der Einwände geltend gemacht werden können. Da ein Dünenstreifen betroffen ist, über den bislang der freie Blick auf die Ostsee ging, wird in der aktuellen Debatte der ganze Vorgang seit 2004 aufgerollt.

Damals hatte der Großinvestor, der in Hohwacht ein Hotel betreibt, einen Vorvertrag für das besagte Grundstück abgeschlossen, das erst bebaut werden sollte, wenn ein Bebauungsplan vorläge. Die bereits erwähnte Freie Wählergemeintschaft nun stand gegen heftige Anfeindungen des Investors auf der Bremse, bis sie – schwach geführt – durch Kommunalwahlen in die Minderheit geriet und der CDU – mit einer Stimme Mehrheit – das Ruder überlassen musste.

Inzwischen hatte sich die Landesgesetzgebung zur Bebauung geändert und nicht zuletzt aus Gründen des Hochwasserschutze musste ein erhöhter Abstand zur Küstenlinie eingehalten werden. Deshalb wurden gleichzeitig mit Überlegungen zur Bebauung Verhandlungen über einen zusätzlichen Flächenverkauf zu Lasten des großen Seeparkplatzes geführt, einen freihändigen Verkauf – ohne Ausschreibung dieser gemeindlichen Fläche – versteht sich!

Was dann den Ausschlag dafür gegeben hat, dass der Investor vier Blocks mit je 9 Appartements und einer Firsthöhe bis 14,5 m bauen darf, ist aus den üblichen Geheimhaltungsgründen bei Grundstücksgeschäften ebenso unklar, wie die Frage, warum man überhaupt zusätzliche Flächen angeboten hat. Flächenutzungsplan ändern und B-Plan erstellen gingen „holter die polter“ und so schwanden wohl auch die Skrupel, angesichts der  Nebenwirkungen dieser Planung.

Denn, um Ausgleichflächen für Besucherparkplätze zu gewinnen, muss auch ein seit vielen Jahren bestens eingeführter und frequentierter Fischimbiss das ihm gekündigte Pachtland räumen und der dem Inhaber gehörende angrenzende Minigolfplatz wurde im B-Plan ohne Anhörung zur Parkplatzfläche umgewidmet.

Zwei Gemeinderatsmitglieder äußerten in der Gemeinderatssitzung „Bauchschmerzen“, die stellvertretende Bürgermeisterin von der Wählergemeinschaft redete vehement dagegen, und enthielt sich bei der ansonsten einstimmigen Beschlussfassung der Stimme.

Die Bebauung des freien Küstenstreifens und Beseitigung der charakteristischen Blickachse auf die Ostsee war beschlossen.

Ist der Weg nun frei für die Umgestaltung des Ortes von einem der letzten unprätentiösen Ostseebäder in Schleswig-Holstein zu einer synthetischen Feriendestination ?

Die Beantwortung dieser Frage wird nicht nur vom Gestaltungswillen des Gemeinderats abhängen, sondern auch vom Einsichtsvermögen der Bevölkerung und den nächsten Wahlergebnissen.

Eine grundsätzliche Begrenzung der Gundstücksausnutzung auf moderate Werte könnte Investitionen der einheimischen Grundbesitzer begünstigen, da der Kostenblock Grundstück für diese entfiele, während Investoren diese Kosten in den Quadratmeterpreis ihrer Bauten einrechnen müssen.

Gegebenfalls zur Beschleunigung von Entscheidungen:  Hohwachts Gästekapazität ist – in der Hauptsaison – durch den Strand begrenzt. Ist dieser voll oder gar überfüllt, rechnen sich weitere Ferienbebauungen unter Umständen nicht mehr.

Die Uhr läuft für diesen kleinen ehemaligen Fischerort an der Ostsee !

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