Der kleine Küstenort Hohwacht will hoch hinaus

5. August 2016
Hamburger Abendblatt, Friederike Ulrich

Noch blickt man über den Sandstrand ins Grüne. Bald werden hier vier- bis fünfstöckige Apartmenthäuser das Landschaftsbild prägen.

Gemeinderat und Großinvestor planen, den Tourismus mit Apartmenthäusern und einem Gesundheitszentrum anzukurbeln.

Hohwacht.  An schönen Sommertagen ist es rappelvoll, doch auch sonst ist viel los im Fischimbiss von Wilfried „Fischi“ Bumann. Obwohl in zweiter Reihe am hinteren Ende des Strandparkplatzes gelegen, ist die Bude für die Touristen eine der beliebtesten Anlaufstellen Hohwachts. Das ist typisch für den kleinen Küstenort. Hier geht es nicht um Schickimicki. Der Strand ist selbst in der Hochsaison nicht überlaufen. Und vom Bauboom à la Travemünde oder Timmendorf blieb Hohwacht bislang verschont.

„Kein Haus höher als ein Baum“, diese Richtlinie galt hier seit Jahrzehnten. Nun aber sollen in unmittelbarer Strandlage vier zwischen 13 und 15 Meter hohe Apartmenthäuser entstehen. Verglichen mit den Bausünden an anderen Stränden ist das eher niedrig. Doch die Bebauung wird das Gesicht von Hohwacht maßgeblich verändern. Und Wilfried Bumanns beliebte Fischgerichte wird es hier künftig nicht mehr geben. Denn zum Plangebiet gehört auch das Grundstück, das er von der Gemeinde gepachtet hat, um dort seine Tische aufzustellen. Dort soll ein Gesundheitszentrum entstehen. Zu Ende September wurde ihm gekündigt. Sogar auf den Minigolfplatz hinter seinem Imbiss, der ihm gehört, wird Anspruch erhoben: Das Areal wird im Bebauungsplanentwurf als Parkplatz ausgewiesen. Bumanns Gäste sind entsetzt. Mehr als 1500 haben ein Protestschreiben gegen seine Vertreibung unterzeichnet.

Dass in unmittelbarer Strandlage gebaut werden soll, ist nicht neu. Bereits 2004 hat Investor Richard Anders ein als Biotop geschütztes Dünengrundstück erworben. Lange hat sich die Gemeinde gegen das Projekt gewehrt. Anders, der in Hohwacht zwei Hotels und einen großen Supermarkt sowie weitere Immobilien in ganz Schleswig-Holstein besitzt, will dort 36 Ferienwohnungen sowie Konferenz- und Veranstaltungsräume errichten. Jetzt konkretisiert sich das Vorhaben. Kürzlich hat der Gemeinderat dem Projekt zugestimmt. Zwar äußerten etliche Mitglieder ihre Sorge um das Landschaftsbild von Hohwacht. Doch die Angst vor einem Rechtsstreit mit dem Investor und einer möglichen Millionenforderung überwog.

Tatsächlich lässt die 2007 erteilte Erlaubnis der Gemeinde, „zweistöckig mit Dach“ zu bauen, einen Dachausbau mit zwei Mansard-Geschossen zu. Das will Anders nach eigenen Angaben umsetzen. Damit werden die neuen Gebäude die Nachbarhäuser beträchtlich überragen. Einzig das Hotel Genueser Schiff, das als Solitär mehrere Hundert Meter entfernt steht, ist gleich hoch.

An der Strandpromenade sind Konferenzräume geplant

Bürgermeister Matthias Potrafky verteidigt das Vorhaben: „Wir müssen der Nachfrage unserer Gäste nach strandnahen modernen Ferienwohnungen nachkommen.“ Dass diese den touristischen Aufschwung für Hohwacht bedeuten, bezweifeln viele. „Für die Familien, die im Ort noch Zimmer vermieten, ist das das endgültige Aus“, sagt Ralf-Dieter Peters, der seit 55 Jahren vor dem Dünengrundstück Strandkörbe vermietet. Die geplante Nutzung hält er für falsch. Wie viele andere auch hätte er hier lieber ein Hotel und Gewerbe gesehen. „Wir brauchen eine lebendige Promenade mit kleinen Geschäften statt Konferenzräumen“, sagt er. Letztendlich könnte das Neubauprojekt auch für seinen Betrieb das Ende bedeuten. Viele Stammgäste haben angekündigt, den Strandabschnitt deswegen künftig zu meiden. „Sie fürchten um die Ruhe hier und wollen sich nicht beim Sonnen von oben auf den Bauch schauen lassen“, sagt Peters.

ha-2Strandkorb-Vermieter Rolf Peters ist besorgt. Hinter „seinem“ Strandabschnitt soll gebaut werden. Viele seiner Kunden haben angekündigt, dass sie zum Sonnen und Baden dann woanders hingehen.
Foto: Friederike Ulrich / HA

Auch das vom Gemeinderat forcierte Gesundheitszentrum, das auf dem Gelände eines ehemaligen Schwimmbads entstehen soll, sorgt bei vielen für Kopfschütteln. Auf dem Grundstück, ebenfalls im Besitz von Richard Anders, müsste man 1200 Meter tief bohren, um an das Thermalwasser zu kommen, und elf Schächte á 100 Meter in den Boden graben für die Geothermie. Diese könnte, so eine von der Gemeinde in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie, den Energiebedarf des Zentrums und vieler weiterer Häuser decken.

Angesichts der geringen Einwohnerzahl des Ortes halten viele ein für 25.000 Besucher jährlich ausgelegtes Gesundheitszentrum für übertrieben. „Größenwahnsinnig und am Bedarf vorbei geplant“, sagt Jürgen Schmidt. Der ehemalige Vorstand der Ärztekammer Schleswig-Holstein kritisiert die „Umgestaltung des Ortes wider seinen ursprünglichen und gewachsenen Charakter durch Bauvorhaben, die nicht in die Umgebung passen“. Damit ist er nicht allein. Auch Karin Schöning, stellvertretende Bürgermeisterin, hält die Apartmenthäuser für „zu wuchtig und massiv“. Man könne sie nicht mehr verhindern, sagt sie, aber ihr Aussehen beeinflussen. Momentan liegen die Pläne beim Bauamt in Lütjenburg aus. Interessierte können dazu Einwände und Stellungnahmen einbringen.

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Foto: Friederike Ulrich / HA

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