Protest gegen Hohwachts neues Gesicht

 

Lübecker Nachrichten, 9./10. 11. 2014

Marcus Stöcklin

Hohwacht. Es ist ein verträumtes Ferienhaus-Viertel im Urlaubsort Hohwacht an der Ostsee. Oder sollte man sagen: war? Waldstraße und Reiherstieg heißen die Wege, an denen seit den 30er Jahren kleine, villenartige Häuser auf großen Grundstücken mit alten Bäumen stehen. Dahinter ragen nun seit einigen Monaten Kräne auf, Baustellenschilder weisen den Weg zu neuen Projekten. Die Zukunft, scheint es, hat begonnen in Hohwacht. Aber nicht alle finden sie gut.

„Hier wird gerade alles kaputtgemacht“, ärgert sich Gabriele Kämpf (65), eine Hausbesitzerin. Gerade hat sie noch Kisten voller Äpfel geerntet, in ihrem verwunschenen Garten. Schon als Kind machte die Münchnerin hier Urlaub, das Haus hat sie von den Eltern geerbt. Doch neuerdings findet sie keine Ruhe mehr. Auf der kleinen Straße vor dem Ferienhaus fahren jetzt täglich schwere Lkw. Der Waldweg um die Ecke, der einst Tieren und Spaziergängern gehörte, wurde in eine Zufahrtsstraße umgewidmet — „über Nacht“, wie sie sagt. Die Fahrbahn wurde verbreitert, alte Bäume gefällt.

Folgt man dem Weg, gelangt man zu einer kleinen Reihenhaussiedlung. Ein Projekt des Bauträgers Domus aus Selent (Kreis Plön). Eine Tafel wirbt für „Exclusive Ostsee-Wohnungen in Toplage“. Es sind vergleichsweise kleine Ferienwohnungen, die auf einem der alten Grundstücke entstanden sind.

Neben den neuen Häusern verläuft der Rest eines Erdwalls. „Das war mal ein fünf Meter breiter Knick“, so Kämpf. „Den haben sie einfach weggerissen.“ Da der Boden für Parkplätze versiegelt werde, hätten auch die wenigen Bäume, die blieben, keine Chance, ist die Landschaftsarchitektin überzeugt. „Wozu gibt es eigentlich eine Knickschutzverordnung?“

Ein Stück weiter wird gerade ein Fachwerk-Ferienhaus für den Abriss vorbereitet. Holz, das von entwurzelten Laub- und Nadelgehölzen stammt, stapelt sich hinter dem Bauzaun. Ein großes Schild verkündet, dass hier eine weitere Feriensiedlung entstehen wird. „Ich und andere Anwohner erheben dagegen Einspruch“, verkündet Gabriele Kämpf. „Die Frist läuft noch. Trotzdem haben sie schon angefangen, das Grundstück zu planieren.“

Auch Anwohner Jan Ole Strauch (25) ist entsetzt über die Entwicklung, die im vorigen Winter begann. „Hier werden Fakten geschaffen, die kaum rückgängig zu machen sind. Ohne Rücksicht auf die Folgen für den Ort.“

Wie Gabriele Kämpf ist Jan Ole Strauch Mitglied der Bürgerinitiative „Bürger für Hohwacht“. „Wir haben 140 Unterschriften gesammelt“, sagt die Vorsitzende, Anne Gutmann, ebenfalls Besitzerin eines Ferienhauses. Ein Rechtsanwalt sei eingeschaltet. „Das Bild von Hohwacht verändert sich gerade ganz massiv“, ist ihre Meinung. „Und zwar nicht zum Vorteil.“

Einen Bebauungsplan gibt es für die Bauprojekte im Bereich Reiherstieg nicht, bestätigt Bürgermeister Matthias Potrafky (CDU). Doch: „Der Investor hat das Grundstück gekauft und erfüllt im Rahmen des Baurechts alle Kriterien.“ Für Potrafky zählt vor allem eins: „Die Gäste reagieren positiv auf die neuen Ferienwohnungen.“ Und der Ort habe ein Interesse daran, dass sie entstehen. „Hohwacht lebt zu fast 100 Prozent vom Tourismus.“

14 Ferienwohnungen sind bereits gebaut, zwölf geplant — und alle sind schon verkauft, bestätigt Domus-Geschäftsführer Holger Trautmann. Die Vorwürfe, seine Bauprojekte passten nicht in das Wohngebiet, hält er für unbegründet. Und was die Natur angehe: Die Grundstücke würden neu bepflanzt, einige alte Bäume seien sogar noch da.

Nicht nur in der Ferienhaussiedlung am Reiherstieg, die an ein Naturschutzgebiet grenzt, ist der Wille zur Veränderung sichtbar. Auch in Alt-Hohwacht hat Domus zwei nebeneinander liegende Grundstücke erworben. Auf einem steht das Haus „Meeresblick“, eines der ältesten Gebäude im Ort, mit halbrunden Fenstern und barocker Dachform. Es soll einem Neubau weichen, der sich über beide Grundstücke erstrecken wird.

Unter Denkmalschutz steht das Haus „Meeresblick“ nicht. Es wurde in den 80ern stark modernisiert. Für Bürgermeister Potrafky handelt es sich um „abgängige Bausubstanz“. Über Jahre habe sich kein erhaltungswilliger Käufer gefunden. Dem drohenden Verfall sei ein Neubau vorzuziehen. Laut neuem Bebauungsplan wurde das Gebiet in einen gewerblichen Tourismusbereich umgewandelt, in dem Einheimische nur noch in Betreiberwohnungen geduldet seien.

„Die Ämter halten alle still“, wettert Gabriele Kämpf. Direkt am Naturschutzgebiet Seelendorfer See sei ein weiterer Ferien-Neubau entstanden. „Ich frage mich, wie das alles genehmigt werden konnte.“

Widerstand scheine zwecklos, so Jan Ole Strauch traurig, der Hohwacht auf dem falschen Weg sieht. „Man fühlt sich irgendwie ohnmächtig.“

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